In Gemeinschaft Wachsen

Ideen, Gedanken und Beobachtungen als Anregung zum offenen Dialog

Geben und sich Hergeben

Es gibt wenig Bereiche im menschlichen Dasein, die so unterschiedlich bewertet werden, wie das richtige Maß von Geben und Nehmen. Religionen, Lebensphilosophien und Kulturen krachen hier aufeinander. Ausnahmsweise weiß auch jeder, wie es richtig sein sollte. Bei den meisten Menschen scheint es auch in ihrem Leben eine Konstante zu sein. Die Frage ist dabei, ob es so ist, weil es sich in ihrem Leben einfach bestätigt und damit sich gefestigt hat oder ob es sich einfach nur um eine feste Konditionierung durch ihre Erziehung handelt. Schließlich ist es ein Stück des Fundamentes, auf dem wir unsere persönlichen Werte gründen. In meinem Leben hat es sich aber mit der Zeit verändert. Ich habe dazu keinen festen Standpunkt mehr und glaube, dass es besser ist flexibel damit umzugehen und als Maß der Dinge dabei den Energiefluss zu beachten. Ich unterscheide dabei folgende Arten:

Das Wegströmen: Es gibt Menschen, die ihre Lebensaufgabe darin sehen, anderen Menschen zu helfen. Soweit auch ein guter Vorsatz, sie opfern sich dabei aber gerne auf. Man sieht sie, wie sie überall (oft auch ungefragt) helfen. Meist sind sie komplett ausgelaugt und auch frustriert, dass ihnen dafür nicht mehr Anerkennung zuteilwird. Sie definieren sich über ihr Tun und verdecken dabei oft innere Komplexe. Doch niemand will jemanden, der sich einem zuliebe aufopfert! Es ist, wie wenn man sich bei der Annahme der Hilfe auch etwas Schuld auflädt. Interessanterweise nehmen diese Menschen auch oft ungern selber Hilfe an und hätten es dabei oft nötig. Nicht dass sie sich nicht gerne darüber beschweren und sicher auch sich wünschen, dass man ihnen so hilft, wie sie gerne helfen. Doch kommen die Angebote, werden sie dann „bescheiden“ abgelehnt. Mir ist dieses Verhalten oft bei älteren Frauen aufgefallen, ohne dabei alle in einen Topf werfen zu wollen. Wenn man die Energie dabei betrachtet, beobachtet man ein sich Verausgaben, ohne dass dabei wirklich positive Energie beim Hilfeannehmenden ankommt. Ich glaube die Ursache ist die fehlende Selbstachtung des Helfenden. Niemand muss sich erst zu etwas Gutem machen. In meinen Augen sind wir alle Geschöpfe Gottes und damit schon von vorne herein etwas Besonderes. Ich will mich damit nicht gegen das Geben aussprechen, doch niemand will ein „sich hergeben“. Geben sollte immer etwas mit Freude zu tun haben.

Das Entreißen: Es gibt die Menschen, denen es immerzu schlecht geht. Jedem erzählen sie ihr Leid. Sie fühlen sich als ein Opfer von jedem und allem. Und egal, wieviel Liebe ihnen zuteilwird, es ist nie genug. Hier ist der aktive Part der Hilfesuchende. Es ist, als ob diese Menschen das Leid brauchen, um sich wohlzufühlen. Ich hatte in jungen Jahren eine Freundin die dieses Extrem perfekt lebte. Alles in ihrem Leben war erlogen, damit sie genug Leid zu erzählen hatte. Ihrer Mutter war sie egal und schlug sie, ihre Exfreunde verfolgten sie, etliche Vergewaltigungen musste sie schon ertragen und alle ihre Freundinnen belogen sie. In meiner naiven Welt dachte ich, dass ich alles mit meiner Liebe heilen könnte. Als damals schon alle meine Freunde mich versuchten zu warnen und mir aufzuzeigen, wie sehr ich mich schon hab aussaugen lassen, ist einer ihrer tausend Lügen aufgeflogen. Ich hatte das riesige Glück durch Zufall an diesem Abend ihre beste Freundin zu treffen. Im Gespräch kamen dann all die Lügen raus, die sie damals bei ihr über mich erzählte. Es war als ob ich mit einem Schlag nüchtern geworden bin und wieder klar sehen konnte. Das hat mich damals gerettet aus Naivität und vielleicht auch eigenem falschen Stolz mich komplett herzugeben.
Ich vergleiche diese Menschen mit schwarzen Löchern, egal wieviel man Licht hineinsendet, es wird nie heller. Da dies mein gesamtes Weltbild (mit Liebe lässt sich alles heilen) ins Wanken brachte, hab ich mich mit diesem Phänomen über Jahre intensiv auseinandergesetzt. Ich hatte etliche Gespräche mit Menschen, die diese Art an sich hatten und mit psychologischer Betreuung hinter sich lassen konnten. Heute weiß ich: man kann diesen Menschen nicht helfen, sie können sich nur selbst helfen. Ich meine damit nicht, dass man die Hilfe verweigern sollte, sondern, dass man dabei klare Grenzen setzen muss. „Du bekommst keine Energie von mir! Aber ich unterstütze Dich gerne eigene Energie aufzubauen.“ Die Ursache ist wieder (wie im oben beschriebenen Fall) in der Selbstachtung zu suchen. Überhaupt gibt es viele Parallelen zwischen diesen beiden Formen. Diese Hilfesuchenden definieren sich durch ihre Rolle als Opfer. Sobald sie es schaffen zu erkennen, dass sie so beachtet und geliebt werden, wie sie wirklich sind und dass es den Vorwand des Opferseins nicht braucht, haben sie den wichtigsten Schritt ihrer Heilung geschafft. Wieder auf die Betrachtung der Energie zurückgebrochen, sieht man hier ein klares Entreißen der Energie. Auch in diesem System wird Energie nur verschwendet und kommt nie oder zumindest nur minimal an.

Das Bereichern: Die Aktion geht hier wieder vom Helfenden aus und meist auch ungefragt. Diese Menschen laufen rum und verteilen ihre Ratschläge tonnenweise. Dabei geht es aber nie um echtes Helfen, mehr um ein sich selber im guten Licht darstellen. Der Empfänger dieser Hilfe empfindet dabei meist auch Scham und sich erniedrigt, ohne es in Worte fassen zu können. Energetisch fließt die Energie dabei eher zum Helfenden, statt zum Hilfesuchenden. Doch auch für den Helfenden ist es ein trügerisches Spiel. Diese „geklaute“ Energie hält nicht lange an, die Freude über das „ich hab Dir geholfen“ währt nur kurz, weil es ja nie ein wahres Helfen war. Entsprechend schnell brauchen diese Menschen wieder ein neues „Opfer“ um sich „bereichern“ zu können. Dieses Phänomen ist mir oft bei jüngeren Männern aufgefallen. Und man kann an Ihnen auch am besten den Unterschied zwischen „Selbstsicherheit“ und „Selbstachtung“ aufzeigen. In einer abgeschwächten Form haben das oft auch Berater und Lifecoaches. Es lohnt also stetig sich selbst zu hinterfragen, warum man hilft. Ist es ein bisschen um sich selbst auf einen Sockel zu stellen? Etwas das eigene Ego aufzupolieren? Der Unterschied ist zum wahren Helfen (siehe unten) für den Helfenden auf den ersten Blick sehr klein. Entsprechend gefährlich und schnell passiert der Selbstbetrug.

Das Weitergeben: Das ist die wahrscheinlich verbreitetste Art des Helfens. Der Helfer gibt sich wahre Mühe, um den Hilfesuchenden zu unterstützen. Er schafft es auch diesen aufzubauen, doch nimmt seine eigene Energie in der gleichen oder zumindest abgeschwächten Weise ab. Wir bemitleiden, wir teilen das Leid… Es ist eine ehrliche Form, doch muss der Helfende sehr auf sich selbst achtgeben, damit er nicht selbst hinterher Hilfe braucht. Wir haben diese Anteilnahme von unseren Eltern und Lehrern gelernt, doch gibt es noch eine bessere Form…

Das Aufbauen: Das ist die wahre Kunst des Helfens, denn hier wächst gemeinsam die Energie, sie wird nirgendwo abgezogen. Es fängt schon beim Start an: es setzt eine absolute Ehrlichkeit von beiden Seiten voraus. Respektvoll fragt der Hilfesuchende um Hilfe oder bietet der Helfende seine Hilfe an. Beide Seiten sind dabei offen für eine Ablehnung des Angebots oder der Anfrage. Alles ist also von Anfang an erwartungsfrei, aber absolut ehrlich und authentisch. Dafür wissen beide Seiten, wenn es zur Hilfe kommt, wollen und kann jeweils der Partner. Deswegen braucht es eine Vertrauensbasis zwischen den Menschen. Der Helfende gibt meist keine Ratschläge, sondern hört in erster Linie zu. Meist liegt die richtige Lösung des Problems eh im Innern des Hilfesuchenden. Es gilt „nur“ diese hervorzuholen. Also mehr eine Wegbegleitung, als ein Beraten. Ein Verständnis der Situation ist meist schon sehr heilsam für den Hilfesuchenden. Je mehr der Hilfesuchende zur Energie kommt, umso mehr kann der Helfende sich an dieser wunderschönen Art des Gebens erfreuen. Damit steigt insgesamt die Energie. Wohlbefinden und Glück ist meines Erachtens ansteckend, was den Prozess noch unterstützt. Geben kann eine so wundervolle bereichernde Kraft sein!
Ich würde gerne behaupten können, dass ich bereits immer die letzte Art zelebriere. Die Wahrheit ist aber, dass es mir in den seltensten Fällen gelingt. Viel zu schnell kommt man vom mitfühlen zum mitleiden. Viel zu schwer fällt es einem mittendrin, wenn man merkt dass die eigene Energie abfließt, an der Stelle zu stoppen. Es gibt aber einfache Praktiken, die einen dabei helfen können:

  • Einfach mal eine kurze Schweigeminute einlegen, gemeinsam atmen oder die Hand halten
  • Gemeinsam eine Runde an die frische Luft gehen und das Problem „zurücklassen“
  •  …

Helfen kann in meinen Augen nur der wirklich gut, der auch selbst Hilfe annehmen kann. Wer also selbst sich immer in derselben Rolle befindet, sollte anfangen sich selbst zu hinterfragen, ob er sich nicht selbst betrügt und in Wahrheit einer der oben genannten Rollen unterliegt. Wir können auch Hilfe von den Personen besser annehmen, die wir als genauso menschlich empfinden, wie uns selbst. Wir befinden uns alle auf dem Weg, den perfekten Lehrmeister gibt es nicht. Ich glaube es ist Inhalt dieses Lebens zu reifen und sich selbst zu entwickeln.

Wem die Betrachtung der Energie zu esoterisch vorkommt, kann gerne das Wort auch durch Wohlbefinden ersetzen. Letzten Endes geht es darum, erfahren zu dürfen, wie heilsam für beide Seiten ein Helfen sein kann. Also achtet zukünftig darauf, ob es Euch und Eurem Partner Schritt für Schritt besser geht.

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